Seit über 25 Jahren beschäftige ich mich mit den Fragen, die Unternehmen im strategischen Einkauf und Supply Chain Management wirklich weiterbringen. In „Impulse“ teile ich Erfahrungen aus meiner Projektpraxis, ordne aktuelle Entwicklungen ein und hinterfrage etablierte Denkmuster. Nicht jede neue Methode hält, was sie verspricht – und nicht jede bewährte Vorgehensweise ist heute noch die richtige. Mein Ziel ist es, Orientierung zu geben, Denkanstöße zu liefern und neue Perspektiven aufzuzeigen.
Was hat Judo mit erfolgreichen Einkaufsverhandlungen zu tun?
Mehr, als man auf den ersten Blick vermutet.
Über 20 Jahre lang habe ich Judo gemacht, zwei Jahre davon im deutschen Kader. Damals ging es für mich um Wettkämpfe – nicht um Verhandlungen. Dass mich die Erfahrungen aus dieser Zeit einmal so stark in meinem Berufsleben prägen würden, hätte ich nie erwartet.
Im Judo entscheidet selten der Stärkere. Erfolgreich ist häufig derjenige, der die Situation richtig einschätzt, geduldig bleibt und erkennt, wann sich eine Chance bietet. Kraft allein genügt nicht. Wer nur versucht, den Gegner mit Gewalt zu bezwingen, macht sich oft berechenbar. Entscheidend sind Timing, Technik und die Fähigkeit, die Situation richtig zu lesen.
Genau diese Prinzipien begegnen mir bis heute in Einkaufsverhandlungen.
Ich erlebe immer wieder, dass Verhandlungen unnötig früh eskalieren. Beide Seiten versuchen, möglichst schnell ihre Position durchzusetzen, bauen Druck auf und argumentieren immer härter. Das Problem dabei: Wer ausschließlich auf seine eigene Position fokussiert ist, übersieht häufig, dass sich die eigentlichen Chancen erst im Verlauf der Verhandlung ergeben.
Die entscheidenden Wendepunkte entstehen häufig dann, wenn sich plötzlich ein Zeitfenster öffnet – weil sich Prioritäten verändern, neue Informationen verfügbar werden oder neue Lösungsoptionen entstehen. In der Verhandlungsführung spricht man vom „Window of Opportunity“. Wer vorbereitet ist und diesen Moment erkennt, verschafft sich häufig einen entscheidenden Vorteil.
Mindestens genauso wichtig ist für mich jedoch ein zweiter Grundsatz.
Kritische Themen früh ansprechen
Viele Verhandlungen dauern unnötig lange, weil über Nebenschauplätze diskutiert wird, während der eigentliche Zielkonflikt unausgesprochen bleibt. Alle Beteiligten wissen oft, worum es tatsächlich geht – trotzdem spricht es niemand offen an. Dadurch entstehen Missverständnisse, Frustration und nicht selten Verhandlungsschleifen, die sich mit einem ehrlichen Gespräch hätten vermeiden lassen.
Ich habe deshalb gelernt, kritische Themen möglichst früh anzusprechen – offen, respektvoll und lösungsorientiert. Das bedeutet nicht, den Konflikt zu suchen. Im Gegenteil: Wer den eigentlichen Zielkonflikt sichtbar macht, schafft die Voraussetzung dafür, ihn gemeinsam zu lösen. Meine Erfahrung zeigt, dass genau das nicht nur zu mehr Transparenz, schnelleren Entscheidungen und tragfähigeren Vereinbarungen führt. Es schafft häufig auch Vertrauen – weil beide Seiten wissen, worüber sie wirklich sprechen.
Ein weiterer Gedanke hat mich in den vergangenen Jahren immer wieder beschäftigt.
Die besten Verhandler sind gute Zuhörer
Viele Menschen gehen davon aus, dass gute Verhandler besonders schlagfertig sind oder immer das letzte Wort haben müssen. Ich glaube das nicht. Die besten Verhandler, die ich kennenlernen durfte, zeichnet etwas anderes aus. Sie hören aufmerksam zu. Sie stellen die richtigen Fragen. Und sie versuchen zunächst zu verstehen, welche Interessen, Zwänge und Ziele die andere Seite tatsächlich hat.
Denn Positionen und Interessen sind nicht dasselbe.
Eine Position lautet beispielsweise: „Diesen Preis können wir nicht akzeptieren.“ Dahinter können jedoch ganz unterschiedliche Interessen stehen – etwa Budgetvorgaben, Zeitdruck, interne Prozesse oder strategische Ziele. Wer nur auf Positionen reagiert, verhandelt an der Oberfläche. Wer die dahinterliegenden Interessen versteht, findet häufig Lösungen, die vorher gar nicht sichtbar waren.
Genau darin liegt für mich einer der größten Unterschiede zwischen guten und sehr guten Verhandlern.
In mehr als 25 Jahren Projektarbeit im strategischen Einkauf habe ich genau das immer wieder erlebt: Erfolgreiche Einkaufsverhandlungen werden selten durch Lautstärke oder maximalen Druck entschieden. Sie entstehen durch sorgfältige Vorbereitung, aktives Zuhören und ein echtes Verständnis für die Interessen der anderen Seite.
Vielleicht ist das die wichtigste Parallele zwischen Judo und Verhandlungsführung.
Es geht nicht darum, den anderen zu besiegen. Es geht darum, die Situation richtig zu lesen, Chancen zu erkennen und den richtigen Moment zu nutzen.
Erfolgreiche Einkaufsverhandlungen werden selten durch Druck entschieden. Entscheidend sind Vorbereitung, Timing und der Mut, den eigentlichen Konflikt früh anzusprechen.
Das Ende einer bequemen China-Strategie.
Oder: Warum der Einkauf gerade neu denken muss.
Wir sprechen ständig über Zölle.
Ich glaube: Das eigentliche Wettrennen läuft längst woanders.
Es geht nicht mehr nur um Produkte.
Es geht um Wissen. Genauer gesagt: um den Zugang zu Wissen.
Genau hier verändern sich gerade die Spielregeln für den europäischen Einkauf.
China hat den Transfer sensibler Technologien und von Know-how ins Ausland mit neuen Regelungen deutlich eingeschränkt. Unternehmen dürfen dieses Wissen künftig nur noch unter strengen staatlichen Vorgaben weitergeben.
Für mich ist das weit mehr als ein weiteres Handelshemmnis.
Es markiert das Ende einer Strategie, auf die sich viele europäische Unternehmen über Jahrzehnte verlassen konnten. Lange war die Rollenverteilung klar: Europa brachte Technologien und Fertigungswissen nach China. Wer dort produzieren wollte, musste sein Know-how teilen. China nutzte dieses Wissen, entwickelte es konsequent weiter und zählt heute in Bereichen wie Batterietechnologie, Elektromobilität oder Künstlicher Intelligenz zu den Innovationsführern.
Und genau jetzt verändert sich die Richtung des Wissenstransfers.
Der Zugang zu diesem technologischen Know-how wird schwieriger. Das betrifft nicht nur einzelne Unternehmen, sondern die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Industrien.
Deshalb beobachte ich in vielen Einkaufsprojekten eine Entwicklung, die mir zunehmend Sorgen bereitet.
Noch immer wird der Einkauf häufig vor allem über Preise, Einsparungen und Konditionen definiert. Das bleibt wichtig – reicht aber nicht mehr aus.
Die entscheidende Frage lautet heute nicht mehr:
„Wo kaufen wir günstiger ein?“
Sondern:
„Wie sichern wir uns dauerhaft den Zugang zu Technologie, Innovation und Know-how?“
Damit verändert sich aus meiner Sicht die Rolle des Einkaufs grundlegend.
Der Einkauf entwickelt sich von einer klassischen Kostenfunktion zu einer strategischen Zukunftsfunktion. Er entscheidet immer häufiger mit darüber, welche Technologien einem Unternehmen langfristig zur Verfügung stehen, wie resilient die Lieferkette ist und wie unabhängig sich ein Unternehmen in kritischen Bereichen aufstellen kann.
Das verändert auch die Anforderungen an die Lieferantenbewertung.
Neben Preis, Qualität und Lieferfähigkeit gewinnen neue Kriterien an Bedeutung:
- Welche technologische Kompetenz bringt ein Lieferant mit?
- Wie innovativ ist er?
- Welche Abhängigkeiten entstehen?
- Welche strategischen Partnerschaften sind sinnvoll?
- Welches Wissen sollten wir bewusst selbst im Unternehmen aufbauen?
Ich bin überzeugt, dass erfolgreiche Einkaufsorganisationen künftig deutlich breiter denken müssen.
Themen wie resiliente Beschaffungsstrategien, gezielter Know-how-Aufbau und langfristige Technologiepartnerschaften werden zu zentralen Bestandteilen einer modernen Einkaufsstrategie.
Vielleicht besteht genau darin der größte Wandel.
Der Einkauf sichert heute nicht mehr nur die Versorgung eines Unternehmens. Er sichert zunehmend dessen Zukunftsfähigkeit.
Möchten Sie Ihrem Einkauf zum Erfolgsfaktor machen?
Gerne erörtere ich Ihren spezielle Situation mit Ihnem im persönlichen Gespräch.